AIRBAG reactor

Wenn du ein ungutes Gefühl hast
musst du darauf hören

Xavier De Le Rue
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Avril 2010, Face nord, Aiguille du Plan, Chamonix

Die Voraussetzungen schienen optimal zu sein. Wir waren den oberen, ziemlich offenen Teil der Route abgefahren. Als wir dann den zweiten, steileren und mit Gletscherabbrüchen übersäten Teil erreichten, entdeckten wir eine gepresste Schneedecke auf weichem Untergrund. Der Schnee war total instabil. Wir hatten Angst… aber Andreas und ich waren mitten in der Abfahrt.

Was sollten wir tun?

Wir hatten drei Möglichkeiten: zu Fuß am großen Hang aufsteigen (was angesichts der Geländekonfiguration und der Instabilität der Schneedecke einem Selbstmord gleichkam), sehr schnell ohne Seile abfahren (mit dem Risiko, von einem Schneebrett mitgerissen zu werden) oder langsam angeseilt abfahren (mit dem Risiko, dass uns ein abgebrochenes Gletscherstück auf den Helm fällt). Keine dieser Optionen war ideal und jede hatte ihre Vorteile und Gefahren. Wir haben uns dafür entschieden, uns anzuseilen und die Abfahrt fortzusetzen. Unser Seil war 80 m lang und wir kamen langsam vorwärts, indem jeder von uns Sicherungspunkte setzte. Es war nicht besonders angenehm, zumal wir durch herabfallende Gletscherstücke gefährdet waren, was uns trotz allem aber weniger riskant schien als von einer Lawine erfasst zu werden. Wir brauchten 4 Stunden für die Abfahrt, während über uns das Damoklesschwert der Gletscherabbrüche schwebte…

Bei einer so schwindelerregenden Abfahrt ist es schwierig, die Schneebedingungen im Voraus zu kennen.

Ich denke, wir hatten die Situation gründlich analysiert. Andreas war am Vortag an der Nordwand der Aiguille mit der gleichen Exposition gefahren... und die Bedingungen waren perfekt. Wir hatten das Pech, die Gefahr an dieser Stelle, in der Mitte des Hangs zu entdecken. Eine Woche später ist eine Gruppe dort unangeseilt abgefahren und es ist nichts passiert. Wie so oft in den Bergen triffst du eine Entscheidung ohne zu wissen, ob du Gespenster siehst oder nicht. Mit etwas Abstand denke ich, dass wir an diesem Tag die richtige Entscheidung getroffen haben.

Wir haben uns Zeit gelassen für die Entscheidung, da sie schwerwiegende Konsequenzen haben konnte.

Wir haben uns auf die Strategie geeinigt

Andreas und ich haben das Für und Wider abgewogen, wir haben alle Situationen durchdacht, die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls geprüft, aber eines ist sicher: Wir waren uns über die Strategie einig.

Wenn du es gewohnt bist, mit jemandem auf Tour zu gehen, dann weißt du, wie der andere reagiert, du hast das gleiche Empfinden für die Berge. Das habe ich bei Andreas besonders geschätzt: Er war dafür bekannt wahnsinnige Risiken einzugehen und überließ doch nichts dem Zufall. Wenn er auch nur den geringsten Zweifel hatte, hole er das Seil heraus. Du darfst keine Angst haben zu vorsichtig zu sein und darfst dich nicht von anderen beeinflussen lassen!Wenn du ein ungutes Gefühl hast, musst du darauf hören. Ich gehe nicht in die Berge, um anderen etwas zu beweisen, ich mache es, um etwas Schönes zu erleben.

Interview von Guillaume Desmurs